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Die türkische Frauenrechtlerin, Anwältin und Islamkritikerin Seyran Ates

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Die türkische Frauenrechtlerin, Anwältin und Islamkritikerin Seyran Ates

“Freiheit ist das Recht, das zu sagen, was andere nicht gerne hören wollen …”

George Orwell

 

Seyran Ateş (geboren am 20. April 1963 in Istanbul, Türkei) ist eine deutsche Frauenrechtlerin und Autorin türkisch-kurdischer Herkunft, die sich als Rechtsanwältin in Berlin hauptsächlich mit Strafrecht und Familienrecht befasst und sich außerdem in der deutschen Ausländerpolitik engagiert. Wegen gewalttätiger Angriffe und Bedrohungen durch Prozessgegner sowie wegen Anfeindungen von verbandspolitischer Seite gab sie im August 2006 vorübergehend ihre Anwaltszulassung zurück. Seyran Ates ist Mitglied der Deutschen Islamkonferenz und nimmt am Integrationsgipfel der Bundesregierung teil.

Zur Finanzierung ihres Jurastudiums an der Freien Universität Berlin arbeitete sie in dem Kreuzberger TIO (Treff- und Informationsort für Frauen aus der Türkei) für türkische und kurdische Migrantinnen, die sich vor der häuslichen Gewalt in ihren Familien schützen wollten. 1984 erschoss während der Beratungszeit ein Mann eine Klientin und verletzte Seyran Ateş lebensgefährlich. Der Tatverdächtige wurde von ihr und sechs anderen Zeugen identifiziert und später konnte seine Mitgliedschaft in der faschistischen türkischen Gruppe „Graue Wölfe” nachgewiesen werden, für die er als Auftragskiller gearbeitet haben soll. Wegen Ermittlungsfehlern wurde der Tatverdächtige freigesprochen und lebt bis heute unbehelligt in Berlin-Kreuzberg. Die Genesung und Heilung von den Folgen des Attentats zog sich über sechs Jahre hin. 1997 legte sie ihr zweites Staatsexamen am Kammergericht Berlin ab und beendete damit erfolgreich ihr Rechtsreferendariat.

Seyran Ateş wendet sich in der Integrationsdebatte gegen das in ihren Augen gescheiterte Konzept der und vertritt statt dessen die Idee der. Sie kämpft mit Vorträgen und Veröffentlichungen gegen das Kopftuch (ungeachtet ihrer kopftuchtragenden Mutter), gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde. Sie setzt sich für mehr Sozialarbeit in Familien mit türkischer und kurdischer Herkunft ein und fordert ein Gewaltschutzgesetz, das Frauen besser vor gewalttätigen Ehemännern schützt. Sie gehörte zu den Organisatoren und Unterstützerinnen der Mahnwache für das „Ehrenmord“-Opfer Hatun Sürücü. Wegen ihres Engagements für Integration und Gleichberechtigung wurde sie am 21. Juni 2007 in Deutschland von Bundespräsident Köhler mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Nach einem Scheidungstermin wurden sie und ihre Mandantin am 7. Juni 2006 von dem geschiedenen Ehemann bei dem Kreuzberger U-Bahnhof Möckernbrücke in übelster Weise beleidigt, bedroht und zusammengeschlagen, ohne dass einer der Passanten eingegriffen hätte. Danach folgten weitere Bedrohungen von anderen Verfahrensgegnern. Im August 2006 gab Seyran Ateş ihre Anwaltszulassung zurück. Sie begründete diesen Schritt mit häufigen Bedrohungen und tätlichen Angriffen durch Verfahrensgegner ihrer Mandantschaft. Sie warf türkischen Verbänden wie etwa der Türkischen Gemeinde zu Berlin eine Mitschuld an der „gewalttätigen Stimmung“ vor, obwohl diese Verständnis und Mitgefühl äußerten.

roterball_hinzurueck

Ich wollte nicht enden wie Hirsi Ali

Die Berliner Anwältin und Frauenrechtlerin Seyran Ates hat ihre Kanzlei geschlossen – aus Angst vor gewalttätigen türkischen Männern. Im Interview spricht Ates über die Feigheit deutscher und türkischer Verbände und ihre Hoffnung auf mehr Zivilcourage im Land.
Frage: Frau Ates, jahrelang haben Sie Anfeindungen und Drohungen standgehalten. Warum gab es für Sie jetzt keinen anderen Weg mehr als die Kanzlei zu schließen?

Seyran Ates: Es ist richtig, dass ich jahrelang mit der subtilen, latenten, aber auch mit der realen Angst gelebt habe. Seit ungefähr zwei Jahren ist die Bedrohung aber gestiegen – auch weil ich fast nur noch Familienrecht gemacht habe. Dann hat die türkische Tageszeitung „Hürriyet“ eine Kampagne gegen mich gestartet. Dort wurde ich als Nestbeschmutzerin bezeichnet, weil ich offen über Missstände geredet habe – zum Beispiel gesagt habe, dass Frauen und Mädchen in der muslimischen Community häufig zu Analverkehr genötigt werden, um die Jungfräulichkeit nicht zu gefährden und um zu verhüten. Es gab danach kaum eine Veranstaltung, zu der die „Hürriyet“ nicht jemanden hingeschickt hat, um ja wieder etwas gegen mich zu finden. In der Community hat die Zeitung so Stimmung gegen mich gemacht – genauso wie die großen türkischen Verbände. Von denen hat sich öffentlich nie jemand mit mir solidarisiert oder mich geschützt. Dieselben Verbände, die nun so tun, als würden sie hinter mir stehen.

Frage: Sie sind vor Jahren schon einmal von einem rechtsradikalen Türken lebensgefährlich verletzt worden. Im Juni wurden Sie nach einem Scheidungstermin von dem Ehemann ihrer Mandantin auf offener Straße massiv bedroht. War das der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen gebracht hat?

Ates: Ja, nach dem Vorfall habe ich mich allein gefühlt – es hat scheinbar niemanden interessiert, dass ich bedroht wurde. Damals ging für mich eine extrem belastende Zeit los. Ich habe realisiert, wie gefährlich meine Arbeit tatsächlich ist. Diese Gefährdung, von der ich ja schon wusste, habe ich plötzlich doppelt und dreifach gespürt, weil ich gemerkt habe, dass keiner hilft. Aber das Nicht-Helfen ist ja nicht nur ein Nicht-Helfen-Wollen, sondern auch ein Nicht-Helfen-Können. In bestimmten Situationen kann einem niemand helfen – da kann man soviel Schutz haben wie man will. Derjenige, der einem schaden will, der wartet sowieso so lange bis er einen alleine erwischt. Polizeischutz 24 Stunden am Tag wollte ich aber nicht haben. Ich habe nie Polizeischutz beantragt. Es gab ja auch nie so eine massive Bedrohung, dass etwa jemand mit der Waffe vor meiner Tür stand. Es waren eher subtile Bedrohungen – Briefe, E-Mails, Anrufe.

Frage: Wer hat Ihnen überhaupt geholfen?

Ates: Es waren immer meine Familie und meine Freunde. Aus der Öffentlichkeit gab es damals sehr wenig. Für mich ist es beleidigend, wenn sich jetzt, nachdem ich meine Kanzlei geschlossen habe, die Türkische Gemeinde oder der Türkische Bund in Berlin-Brandenburg zu meinem Fall äußern. Denn das sind diejenigen, die die Hetze gegen mich mitgeschürt haben, weil sie immer wieder behauptet haben, ich würde dramatisieren und übertreiben. Diese Leute haben immer nur mit dem Finger auf die deutsche Seite gezeigt – dorthin, von wo der Rassismus angeblich kommt. Die Verbände sind mitverantwortlich für die gewalttätige Stimmung gegen Frauenrechte.

Frage: Haben Sie sich auch von der Politik allein gelassen gefühlt?Ates: Ich denke, wir waren in einer heftigen Diskussion – politisch und gesellschaftlich. Ich möchte im Nachhinein keine Schelte betreiben. Letztendlich war es eine persönliche Bedrohungssituation, aufgrund derer ich die Entscheidung getroffen habe. Politik und Polizei können mich in dem Maße gar nicht schützen, wie es notwendig gewesen wäre. Jetzt bekomme ich über alle Parteigrenzen hinweg Unterstützung. Für mich ist das auch ein Zeichen dafür, dass meine Arbeit nicht umsonst war. Das ist eine Bestätigung dafür, dass parteiübergreifend das Thema ernst genommen wird. Jede Partei ist authentisch bemüht und die Politiker versuchen nicht das zu funktionalisieren. Dafür bin ich dankbar.

Frage: Wollen Sie – in anderer Form – in Zukunft weiter für die Rechte von Frauen arbeiten?

Ates: Ja, ich kann mir vorstellen, Politik und größeren Verbänden als Beraterin zur Seite zu stehen, Nachfolgerinnen zu unterstützen. Ich wünsche mir, dass die Arbeit für die Rechte der türkischen Frauen institutionell weiter verfolgt wird. Denn wenn die Debatte auf einzelne Menschen abgestellt wird, ist das der Sache nicht dienlich.

Frage: Inwiefern nicht?

Ates: Über mich etwa wurde gesagt, ich sei nur depressiv und deshalb würde ich Kritik üben. So wird der Sache der Inhalt weggenommen. Denn wenn eine Einzelmeinung immer nur als polarisierend wahrgenommen wird, immer nur ein Ausschnitt gesehen wird, Sätze rausgegriffen werden, weil man eine Person stigmatisieren will – so wie man mich immer als hysterische Feministin dargestellt hat – wird die Debatte kontraproduktiv. Deshalb sollten wir uns als Einzelpersonen zurückziehen. Die Debatte sollte weg gehen von den Einzelnen – auch weg von Necla Kelek, Serap Cileli, Fatma Bläser.

Frage: Bedeutet ihr Rückzug, dass es in Deutschland nicht möglich ist, Kritik am politischen Islam und an der Unterdrückung der Frau zu äußern, ohne ständig in Gefahr zu leben?

Ates: Ja, aktuell heißt es das. Für eine Einzelperson ist es zu gefährlich, authentisch Kritik zu üben. Man muss vorsichtig und diplomatisch sein.

Frage: Die Frauenrechtlerin Ayaan Hirsi Ali ist wegen ihrer Kritik am Islamismus eine der am stärksten geschützten Personen der Niederlande gewesen. Jetzt ist sie in die USA ausgewandert. Auch eine Option für Sie?

Ates: Ich wollte nicht so enden wie Ayaan Hirsi Ali. Ich liebe Berlin, ich möchte hier leben und nirgends anders. Ich habe die Entscheidung getroffen, mich in mein Privatleben zurückziehen, statt dieses Land irgendwann verlassen zu müssen – das wäre tragisch für mich. Mein Rückzug ist in meinen Augen aber kein Handtuchwerfen, sondern auch ein Signal. Ich habe den Eindruck, dass dieser Schritt der Debatte nützt, dass die Fronten sich anders aufeinander zu bewegen.

Frage: Glauben Sie, dass sich die Situation verschlimmert – sich islamische Menschen immer mehr abschotten, es also auch in Deutschland zu einem Zusammenstoß der Kulturen kommt?

Ates: Ich bin optimistisch, wenn die Gesellschaft endlich Zivilcourage zeigt. Dass die gefehlt hat, hat mich letztendlich dazu getrieben, meinen Beruf aufzugeben. Denn die Menschen, die mich bedroht haben, kommen zum größten Teil aus der normalen Gesellschaft, sind wenig gebildet und kaum aufgeklärt, haben sich aber etwa von der „Hürriyet“ beeinflussen lassen. Zum Teil haben sich aber auch Intellektuelle gegen mich gestellt, die nur sehr rudimentär über meine Arbeit Bescheid wussten. Ich habe mich von der Gesellschaft im Stich gelassen gefühlt. Von denen, die die Realität gesehen haben und sie trotzdem geleugnet haben. Dennoch: Ich habe das Gefühl, wir können nicht mehr zurück gehen, wir müssen uns mit diesen Themen auseinandersetzen. Ich denke, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Eine Veränderung ist immer mit Schmerzen verbunden. Und mein Rückzug ist so etwas wie eine Geburtswehe.

Das Interview führte Anna Reimann

Quelle: Ich wollte nicht enden, wie Hirsi Ali

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In der türkischen Community brodelt es

Seyran Ates wird für ihr Engagement für Musliminnen als Frau des Jahres ausgezeichnet – und warnt vor Unruhen in Kreuzberg

Herzlichen Glückwunsch, Frau Ates. Der Deutsche Staatsbürgerinnen-Verband verleiht Ihnen diesen Sonnabend wegen Ihres Engagements gegen Kopftuch und Zwangsheirat den Titel „Frau des Jahres 2005“. Werden sich die Türken mit Ihnen freuen?

Bestimmt. Ich würde die Arbeit nicht machen, wenn ich das Gefühl hätte, ich arbeite gegen die türkische Community. Sicher halten mich einige, wie die Journalisten der Zeitung Hürriyet, für eine Nestbeschmutzerin. Andere türkische Medien befürworten meine Arbeit, ich werde zum Beispiel regelmäßig ins türkische Fernsehen TD1 eingeladen. Und es gibt sogar türkische Männer, die mich auf der Straße ansprechen und sagen: „Hey, Sie sind doch die mutige Rechtsanwältin.“

Wie kommt es, dass Ihre Meinung so gefragt ist?

Das hat etwas mit dem 11. September zu tun, mit van Goghs Tod, den Anschlägen in Madrid und in London. Sehr viele in der deutschen Öffentlichkeit realisieren nun, dass es eine Parallelwelt gibt. Etliche waren noch dagegen, als ich erstmals gefordert habe, dass Zwangsheirat ein Straftatbestand wird. Und nun werden wir den bald haben.

Wie diskutiert man derzeit das Thema Frauenrechte unter Türken?

Da brodelt es, gerade wegen des Falles Hatun Sürücü, die von ihrem Bruder umgebracht wurde. Es gibt einerseits eine extreme Stimmung gegen die deutsche Presse, weil die den Fall angeblich missbraucht, um Türken wieder als Barbaren darzustellen. Gleichzeitig haben die Jugendlichen die Nase voll von dieser Gesellschaft und lassen die Wut am schwächsten Glied aus, den Frauen. Schauen Sie sich die Vororte in Frankreich an, in denen muslimische Jugendliche seit Tagen randalieren. Dort zählen Massenvergewaltigungen geradezu als Volkssport. So weit ist es hier noch nicht, aber es gibt die gleiche Wut.

Können Sie sich vorstellen, dass Kreuzberg auch mal brennt?

Wir werden diese Zustände bekommen, wenn wir nicht aufpassen. Ansatzweise haben wir das ja schon am ersten Mai. Da fallen bereits seit einigen Jahren jugendliche Migranten durch besondere Zerstörungswut auf. Viele junge Türken wollen ja raus aus ihrem familiären Hamsterrad, weg von all den veralteten Traditionen. Sie halten aber daran fest, weil sie ansonsten keine andere Möglichkeit haben, Macht zu beweisen.

Bringen deshalb junge Männer ihre Schwester um?

Na, was hat denn die Zeugin im Sürücü-Prozess ausgesagt, die Freundin des Bruders, der geschossen hat? Sie hat erzählt, dass sie mit ihm mal U-Bahn gefahren ist. Er hat auf die anderen Leute gezeigt und gesagt: „Das sind schlechte Menschen, wenn du die tötest, ist das keine Sünde.“ Solche Ideen entwickelt ein Mensch, der sich von der Gesellschaft nicht akzeptiert fühlt.

Was schlagen Sie vor? Wie kommen die Migranten aus dem Getto raus?

Wir müssen die Gettos auflösen. Ich halte nichts von diesen Multikulti-Fanatikern, die sich freuen, dass Migranten in gettoisierten Gegenden ihre Eigenheiten ausleben.

Aber ich kann doch nicht mal eben Kreuzberger Türken nach Wilmersdorf umsiedeln?

Doch. Sie müssen ihnen zumindest die Chance zum Umzug geben. Viele Migranten sind unglücklich, weil sie wissen, dass ihre Kinder auf einer Schule in Kreuzberg keine Chance haben. Ich bin sicher, dass dort mehr als die Hälfte der Migranten-Familien sofort umziehen würde. Auch, weil man dann der sozialen Kontrolle durch die anderen entgeht.

Wie sieht denn diese Kontrolle aus?

Meine Eltern haben mich als Kind nur deshalb nicht gerne vor die Tür gehen lassen, weil sie Angst hatten, was die Umgebung sagt. Die Leute haben etwa gefragt, warum die Seyran in die Volkshochschule geht. Da kamen Andeutungen, dass meine Keuschheit gefährdet sei.

In der Volkshochschule?

Sehen Sie, da ist für Sie keine Verbindung. Aber sobald ein türkisches Mädchen wissbegierig ist und zu einem Schreibmaschinenkurs geht, gilt das schon als offenes westliches Leben. Da könnte ja was passieren.

Sie sind in einer traditionellen Familie in Wedding aufgewachsen. Heute führen Sie ein selbstbestimmtes Leben und wohnen im schicken Mitte. Wie kam es dazu?

Ich hatte das Glück, dass ich die einzige Türkin in der Klasse war, da nimmt man die deutsche Gesellschaft anders wahr. Und ich habe nach vielen Besuchen deutscher Ämter schon mit 15 Jahren beschlossen, Jura zu studieren und mich für Minderheiten einzusetzen. Das half.

Noch ein Hilfsmittel?

Ich lebe gerne. Ich mache das alles doch, weil ich anderen Frauen helfen will, das Leben zu genießen.

Interview: Brenda Strohmaier

Quelle: In der türkischen Comminity brodelt es

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Multikulti ist verantwortungslos

Die Menschenrechtsaktivistin Seyran Ates, 41, fordert eine Verschärfung des Strafrechts, um türkische Einwanderinnen vor Gewalt und so genannten „Ehrenmorden“ zu schützen: „Die Linken und Liberalen sind immer nur ratlos und veranstalten Tagungen und suchen den Konsens – das ist zu wenig“

Interview Jan Feddersen

taz: Frau Ates, glauben Sie an Gott?

Seyran Ates: Ja. Weshalb fragen Sie?

taz: Weil es aus islamischen Kreisen heißt, Sie seien eine Nestbeschmutzerin, fern von Gott.

Seyran Ates: Typisch: nur weil ich den Multikultifrieden nicht einhalten will.

taz: Was haben Sie gegen Multikulti?

Seyran Ates: Oberflächlich gesehen nichts. Ein schönes Wort. Aber ein Deckmantel für eine Ideologie, die nicht hingucken will.

taz: Worauf denn?

Seyran Ates: Wie es in den türkischen Communities – und über die kann ich hauptsächlich sprechen – wirklich aussieht.

taz: Was sehen Sie, was andere nicht sehen können oder wollen?

Seyran Ates: Dass die Idylle trügt. Dass in Berlin, in Kreuzberg zum Beispiel, das Bunte nur von den Deutschen kommt – nicht von den Türken selbst. Die türkische Kultur dort ist grau …

taz: Der Karneval der Kulturen …

Seyran Ates: … ist eine deutsche Fiktion.

taz: Wie bitte?

Seyran Ates: Niemand schaut nach oben. Die Häuser hoch. Dort sieht man die Frauen, die auf keinen Fall mitmachen dürfen, die gucken hinter ihren Gardinen zu. Frauen, die manchmal nicht mal wissen, wo sie sind – sie sind eingesperrt.

taz: Warum meiden sie das pralle Leben?

Seyran Ates: Sie sind ja zwangsverheiratet worden und wissen genau, dass sie ihr Leben gefährden, wenn sie sich nicht an das halten, was ihre Familie ihnen als Pflicht aufgibt: sie dürfen nicht auf die Straße.

taz: Was heißt Pflicht in erster Linie?

Seyran Ates: Dem Manne zu gehorchen, ihm eine gute Ehefrau zu sein und die Kinder großzuziehen. Das sind Sklavinnen auf dem muslimischen Ehemarkt.

taz: Aber man sieht doch viele junge Frauen mit türkischer Herkunft, die in Berlin leben, wie sie möchten.

Seyran Ates: Klar gibt es die. Frauen wie Hatun Sürüncü. Die ihre Familien verlassen müssen, um ihr Leben zu leben. Selbstbestimmt. Hatun hat das ihr Leben gekostet – hingerichtet von ihren Brüdern, weil sie sich dem Zwang ihrer türkischen Familie verweigerte.

taz: Sie habe gelebt „wie eine Deutsche“.

Seyran Ates: Richtig – und an dieser Wendung kann man gut ablesen, wie lächerlich in der türkischen Community die Idee von Multikulti selbst gehalten wird. Man nimmt die deutschen zivilgesellschaftlichen Standards einfach nicht ernst.

taz: Fühlen auch Sie sich bedroht?

Seyran Ates: Natürlich. Jede Frau im Westen, die sich den Wünschen ihrer Familie verweigert, ist bedroht. Sie muss immer aufpassen. Unerträglich, aber so ist es.

taz: Kritik an ultrapatriarchalen Lebensverhältnissen in Einwandererkreisen wird von Linken nicht gern geäußert, man fürchtet, als rassistisch zu gelten.

Seyran Ates: Toll, ganz toll. Dass die Deutschen die Weltmeister sind, wenn es darum geht, bloß nicht als Rassisten zu gelten. Ehrenmorde zu kritisieren, sie zu ächten und das Strafrecht zu ändern, hat nichts, gar nichts mit Rassismus zu tun. Die Leidtragenden dieser besonderen Empfindsamkeit der Gutmenschen gerade dem Islam gegenüber sind wir Frauen.

taz: Muslimen gewogene Ethnologen meinen, Ehrenmorde hätten mit dem Islam weniger, mehr aber mit patriarchalen Verhältnissen zu tun.

Seyran Ates: Das eine ist vom anderen nicht zu trennen. Nur Multikultifanatiker finden diese Differenz interessant – um abzulenken, dass es jede Menge Probleme gibt.

taz: Vor allem durch die Männer?

Seyran Ates: Keineswegs. Es gibt auch unter türkischen Frauen viele, die missgünstig sind auf andere türkische Frauen, die, wie hieß das?, „wie eine Deutsche leben“. Als ich in der Schule gut war, meinten Verwandte, na, das geht doch nicht gut. Haben meinen Eltern gesagt, eine höhere Schule bräuchte ich nicht.

taz: Dennoch haben Sie mit Ihrer Familie gebrochen, um ihren Weg gehen zu können – Autorin, Expertin in Fragen muslimischer Integration, heimliche Heldin vieler türkischer Frauen.

Seyran Ates: Ich musste mich von meiner Familie verabschieden, es ging nicht anders.

taz: Heute passen Ihre Eltern mit auf Ihre kleine Tochter Zoe Sultan auf.

Seyran Ates: Wir verstehen uns wieder gut, wie eine Familie eben. Ich bin einfach ihr Kind – und sie lieben und verstehen mich. Sie, nein, wir haben gelernt, dass ein Leben „wie eine Deutsche“ sie nicht um ihre Tochter bringt.

taz: Gibt es nicht auch andere Wege für türkische Frauen in Deutschland, sich zu emanzipieren?

Seyran Ates: Meine Erfahrung spricht dagegen. Sie müssen den Bruch schaffen – sonst nimmt man sie nicht ernst. Und erst, wenn man sie ernst nimmt, kann man sich auch wieder nähern.

taz: Sie fordern neue Gesetze in Sachen Zwangsverheiratung. Den Grünen waren es unbehaglich – als sollten Muslime kriminalisiert werden.

Seyran Ates: Die haben eine unheimliche Angst, kulturelle Minderheiten an den Grundrechten zu messen. Das hat mich besonders geärgert – wo die Grünen sich immer so hübsch zugute halten, es mit den Menschenrechten ganz genau zu nehmen. Sind Frauenrechte keine Menschenrechte? Zwangsheiraten sind keine Bagatellen. Ich bin tatsächlich dafür, die Gesetze so zu verschärfen, dass sie Frauen schützen – und den Männern zu signalisieren, dass ihr Ehrenkodex vor deutschen Gerichten nicht zählt.

taz: Ehrenmord ist vor deutschen Gerichten schon als Totschlag bestraft worden, weil dem Täter seine kulturelle Prägung angerechnet wurde.

Seyran Ates: Vielen Dank für dieses besonders beeindruckende Signal für türkische Frauen in Deutschland. Mit kultureller Prägung – als ob die sich nicht auch ändern könnte – hat das nichts zu tun. Ehrenmorde an Frauen sind oft genau kalkuliert worden. Das war kein Trieb, der zwanghaft gelebt werden musste. Das war eine harte, eine mörderische Strafe. Und so muss diese Tat auch geahndet werden.

taz: Manche Familien beauftragen mit einem Ehrenmord den jüngsten Sohn, damit er, wenn überhaupt, nach dem Jugendstrafrecht angeklagt wird.

Seyran Ates: Was für mich ein weiteres Indiz für die genaue Planung des Verbrechens ist. Eine Frage der Ehre, eine der Kultur? Für mich sind das fürchterliche Ausreden, die von den Gutmenschen gern geglaubt werden. Ich bin dafür, das Jugendstrafrecht so zu verschärfen, dass der Trick, die Jüngsten für eine Mordtat auszusuchen, nicht mehr verfängt.

taz: Im kanadischen Toronto wird ernsthaft debattiert, in muslimisch geprägten Vierteln wenigstens im Zivilrecht die Scharia einzuführen.

Seyran Ates: Wenn es so wäre, könnte ich keiner Frau empfehlen, dort zu leben. Das wäre eine Bankrotterklärung der Zivilgesellschaft. Was das hieße: Züchtigung, Todesstrafe, Prügel, Entrechtung. Grauenvoll.

taz: Debatten in deutschen Schulen scheinen dieser Tendenz verwandt: Wenn muslimische Mädchen nicht zu Klassenfahrten, nicht am Sportunterricht oder am Sexualkundeunterricht teilnehmen dürfen.

Seyran Ates: Das sehe ich mit traurigen Augen. Was mich aber empört, ist, dass es nur die Mädchen trifft. Um die muslimischen Jungs geht es nie – immer nur um die Keuschheit der Mädchen. Gerade sie brauchen Wissen um Sexualität. Viele Mädchen müssen sich doch auf Analverkehr mit Jungs einlassen – weil dies die beste Verhütungsmethode ist.

taz: Ist ja auch für die Jungs ein rüdes Sexualleben.

Seyran Ates: Die spielen doch die andere Seite dieser Tragödie. Sie lernen von anderen Männern, dass Sexualität nur mit Gewalt zu haben ist – das ist für sie und für ihre Frauen eine Katastrophe.

taz: Gibt es nicht auch familiär beschlossene Ehen, die glücklich sein können?

Seyran Ates: Gegenfrage: Wie sehr muss sich eine Frau auf die Möglichkeit eines Zufalls einlassen? Viele Frauen hören doch in der Hochzeitsnacht, mach einfach die Augen zu und lass es geschehen. Das ist mein Blick auf die Dinge, der in der Bequemlichkeit der Multikultileute nicht vorkommt. Ein Blick, der stört, der den Faulen und Bequemen unter den Linken nicht passt.

taz: Weshalb empfinden Sie sie als faul?

Seyran Ates: Weil sie sich auf dem guten Gewissen ausruhen, irgendwie nicht rassistisch zu sein. Sie trinken Prosecco und kaufen gesunde Lebensmittel aus allen Ländern – und fühlen sich ziemlich gut. Mir kommt Multikulti wie organisierte Verantwortungslosigkeit vor.

taz: Man will sich eben in andere Kulturen nicht einmischen …

Seyran Ates: … warum nicht? Wir leben in einem Land. Es ist ein oft tödlicher Fehler, zu schweigen. Warum fordern deutsche Eltern türkische Eltern nicht auf, ihre Töchter auf Klassenreise mitfahren zu lassen? Wir sind eine Gesellschaft, nicht eine Ansammlung von vielen.

taz: In Dänemark hat die rechtskonservative Regierung eine Regelung durchgesetzt, dass nur ins Land darf, wer sich der dänischen Kultur unterwirft – Zwangsheirat fast ausgeschlossen.

Seyran Ates: Klingt nicht schlecht.

taz: Aber das ist ein Werk von Konservativen, von Rechten.

Seyran Ates: Na und? Dann ist es das eben. Konservativ muss ja nicht illiberal sein. Und immerhin ist das ein Vorschlag, um den Import von Frauen ohne Rechte zu verhindern. Die Linken und Liberalen und Feministinnen sind immer nur ratlos und veranstalten Tagungen und suchen den Konsens – das ist zu wenig.

taz: Kein Wunder, dass Sie gerade denen als Zumutung gelten.

Seyran Ates: Damit kann ich leben. 1984, nach dem Attentat auf den Frauenladen, in dem ich gearbeitet habe, hieß es auch schon, dass Frauen wie ich der türkischen Gesellschaft zu weit gegangen wären.

taz: Wie sehen Sie sich selbst?

Seyran Ates: Eine Frau, die genau in die Nester guckt, die Schmutz enthalten. Das ist mein Job.

taz: Ihr Lebensgefühl?

Seyran Ates: Ich bin öfter als früher erschöpft. Und ich habe auch Angst. Das ist beunruhigend für mich und meine Familie.

taz: Was sagt Ihr Gott zu dem Leben, das Sie leben?

Seyran Ates: Der ist mit mir auf meinem Weg.

Der Islam - Verschimmeltes Brot 6 klein

siehe auch Beiträge zum Thema  „Islamische Faschisten“     http://www.hans-brakhage.de/belgaraths-turmzimmer/einefragederehre-0

Über grauwolfzauberer

Ich bin zweifellos kein pflegeleichter, unumstrittener Zeitgenosse. Wenn ich in den letzten Jahren gefragt werde, was ich beruflich mache, antworte ich meistens: Ich bin Zyniker - und boshaft bissiger Satiriker. Aber real war ich über viele Jahre Fotokünstler, jetzt allerdings im Rentnerstatus, bin immer noch Lyriker und Erzähler, was nicht häufig vorkommt, denn die meisten Literaten - und ich nehme diese Bezeichnung relativ ernst - sind entweder Erzähler oder Lyriker, selten beides. Ich habe viel veröffentlicht und immer noch mehr Ideen, als ich tatsächlich in Endform verfassen kann. So verfüge ich über ein riesiges Rohentwurfsarchiv, habe mir aber fest vorgenommen, das auf jeden Fall noch in diesem Leben durchzuarbeiten - und noch viel mehr zu veröffentlichen. Ich habe vor langer Zeit Kunst studiert, in Essen und Bremen, war dann ein paar Jahre in der Comercial Werbung tätig, bis mir endlich klar wurde, dass das nicht das war, was ich wirklich machen wollte, dafür habe ich nicht jahrelang Kunst / Fachbereich Fotografie studiert. So begann über kleine Umwege mein Leben als freier Fotograf, wobei ich sehr viel für Musiker, Theaterleute, Tänzer/-innen und mit besonderer Vorliebe für Privatkunden/-innen gearbeitet habe. Ich habe in einer Rockband mitgemacht, Theater und Kabarett gespielt und bin stets meinem geliebten Beruf treu geblieben, - wie meiner langjährigen Lebensgefährtin, die leider viel zu früh verstorben ist. Ich habe nicht so viel Geld gekriegt, wie ich verdient hätte, auch deutlich weniger als viele meiner Kollegen/-innen, war aber überaus glücklich damit, denn ich konnte frei arbeiten und habe eine Menge Spaß dabei erlebt. Ich war und bin ein unbequemer, unangepasster Querdenker, sage nicht bedenkenlos zu allem Ja und Amen, misstraue fertigen Konzepten für das Leben, pflege ausgiebig mein eigenständiges Denken und suche nach allen Infos, die ich kriegen kann, um mir ein wohlüberlegtes Urteil zu bilden. Politischen Systemen und ganz besonders Parteien stehe ich grundsätzlich mit tief verwurzeltem Misstrauen gegenüber, denn sie erstreben nur egomanische Machtansprüche. Den sogenannten "Volksvertretern" bringe ich zu 95% allein abgrundtiefe Verachtung entgegen, weil sie uneingeschränkt nur ihre Interessen aus Machtgier und persönlicher Selbstbereicherung vertreten, aber nicht die Interessen jenes Volkes, dem sie dienen, dessen Nutzen sie mehren sollen, wofür sie sehr gut bezahlt werden. Sie können von mir keinen Respekt erwarten, denn Respekt bekommt man nicht einfach so geschenkt, man muss ihn sich verdienen. Aber ich kann mir selbst bei intensivem Nachdenken keinen Grund vorstellen, warum z.B. bundesdeutsche "Volksvertreter" oder der meisten anderen europäischen Parlamente meinen Respekt verdienen sollten. Auch staatliche Institutionen können mein Vertrauen nicht erwarten. Ich pfeife auf die political correctness und habe kein Problem damit ehemaligen Weggefährten mit nachvollziehbarem Grund kräftig in den Arsch zu treten, wenn sie es verdient haben, bin dabei polarisierend und provokativ, parteiisch und rücksichtslos, - weil und wenn es nötig ist. Ich bin kein Deutscher - kein Ausländer - bekennender Europäer.

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