Meine Traumwelt beginnt mit einem Albtraum. Ich war gerade fünf Jahre alt, als meine Mutter von heute auf morgen verschwand – als Gastarbeiterin nach Deutschland. Mein Vater folgte ihr kurz darauf. Das wusste ich zu dem Zeitpunkt nicht. Man sprach in unserer Welt mit Kindern nicht über solche Dinge. Deshalb konnte ich überhaupt nicht verstehen, was geschah. Bis zu diesem Tag hatte ich wohlbehütet in einer türkischen Großfamilie gelebt. Die Eltern und Geschwister meiner Mutter wohnten ganz nah bei uns. So nah, dass ich jedes Haus in weniger als einer Minute erreichen konnte. Die Erwachsenen kümmerten sich um alle Kinder, und diese spielten miteinander, meistens auf der Straße.Na ja, echte Straßen gab es eigentlich nicht. In unserem Armenviertel gab es zwischen den Häusern nur Fußwege. Mein Onkel väterlicherseits kam mit seiner Familie aus dem Dorf nach Istanbul, um auf uns fünfKinderaufzupassen, bis meine Mutter zurückkam.Der Onkel prügelte mich bei jeder Gelegenheit. Als ich begann, mich verbal zur Wehr zu setzen, wurde ich von ihm für verrückt erklärt. Ich hätte den Verstand verloren, schrieb er meiner Mutter, denn ich gäbe Widerworte und zolltedenÄlteren keinen Respekt. Natürlich schrieb er meiner Mutter nicht, dass er mich täglich misshandelte. Glücklicherweise glaubte sie ihm nicht, sondern spürte, dass der Onkel mich wirklich verrückt machen würde, wenn sie mich nicht bald zu sich holen würde. Ihr ging es in Deutschland nicht besser als uns in Istanbul. Sie liebte ihre Kinder, und kein Geld der Welt konnte sie beruhigen. Sie wollte lieber arm bleiben, aber bei ihren Kindern sein. Mein Vater versuchte sie zu überreden, es noch eine Weile auszuhalten, nur noch ein Jahr, bis sie genug Geld gespart hätten, um in die Türkei zurückzukehren. Meine Mutter sagte Nein. Sie waren schon ein knappes Jahr weg von den Kindern. Das war zu viel für sie. Sie sagte zu meinem Vater, wenn ich schon hier arbeiten soll, dann holen wir unsere Kinder, sonst kehre ich sofort zurück. Mein Vater gab widerwillig nach. So hatte er es sich nicht vorgestellt. Er wollte mit meiner Mutter nur ein Jahr in Deutschland bleiben, am Fließband, mit dem Ersparten zurückkehren und sich in der Türkei eine Existenz aufbauen. Aber meine Mutter war durch nichts zu überzeugen. Ihr Mutterherz tat zu weh.Mit sechs Jahren holten mich meine Eltern von Istanbul nach Berlin. Und aus war der Traum von der glücklichen Wiedervereinigung unserer Familie, den ich bis dahin geträumt hatte. Wir lebten in Berlin in einer Einzimmerwohnung im zweiten Stock. Als unsere Schwester aus Istanbul kam, waren wir sieben Personen in einem Raum, fünf Geschwister und zwei Eltern. Das war aber nicht mein größtes Problem. Ich kann mich nicht daran erinnern, ob ich jemals davon träumte, ein eigenes Zimmer zu haben. Das war mir nicht wichtig. Ich weiß gar nicht mehr, ob wir überhaupt jeder ein eigenes Bett hatten. Auch das war mir ziemlich egal. Aber ich litt darunter, als Mädchen in eine Unfreiheit gedrängt zu werden, die ich bis dahin nicht gekannt hatte.Berlin bedeutete für mich: eingesperrt sein. In Berlin konnte ich mich nur auf 30 Quadratmetern bewegen. Sofern die vorhandenen Möbel Platz ließen. Mein kindlicher Bewegungsdrang wurde jäh unterdrückt.JedeSportstunde war für mich eine Befreiung. Ich fing an, von einem besseren Leben zu träumen. Das bessere Leben war das Leben der anderen. Die anderen waren in erster Linie die Deutschen. In der Schule sah ich, dass die deutschen Mädchen viel freier lebten als ich. Ich träumte davon, so frei zu sein wie sie. Jeder Blick aus dem Wohnungs- oderAutofenster schmerzte. Denn ich sah Menschen frei auf den Straßen spazieren. Welche Leichtigkeit sie hatten. Ich konnte nicht einmal auf dieStraßeundselbstbestimmt gehen, wohin ich wollte. Ständige Kontrolle umgab mich.Es dauerte nicht lange, bis ich begriff, warum ich solch ein Leben führte. Ich war ein Mädchen, ich stellte die Ehre der Familie dar, und mein Jungfernhäutchen, von dem ich lange nicht wusste, was das überhaupt ist, war von größerem Interesse fürdieGroßfamiliengemeinschaft als mein Gehirn. Wenn ich mein Gehirn benutzte und meine Meinung äußerte – meist eine, die sich für ein türkisches Mädchen nicht schickte –, wurde ich für verrückt erklärt. Da war es wieder; wenn auch angeblich scherzhaft. In meiner näheren Umgebung wurde ich als die kluge Verrückte bezeichnet. Ich hatte nicht das Gefühl, verrückt zu sein. Aber irgendwie merkte ich schon, dass wir nicht so gut zusammenpassten: die türkische Kultur in Deutschland und ich. Meine gesamte Umgebung kontrollierte alle weiblichen Wesen auf Schritt und Tritt. Wobei ich leider sagen muss, dass nicht nur Männer dieses System aufrechterhielten.Ich wollte mich von dieser Enge befreien. Es war nicht die kleine Wohnung, das fehlende Kinderzimmer, sondern der Staub aus Anatolien, der mir die Luft zum Atmen nahm. Jeder Tag fing an mit dem Traum nach Freiheit und endete damit. Ich habe diesen Traum so lange geträumt, bis ich ihn für mich verwirklichen konnte. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die meisten Dinge, die ich mir erträumt habe, tatsächlich in Erfüllung gegangen sind. Ich musste nur meinen Anteil dazu tun. Das habe ich von den Deutschen gelernt. Sie haben mir beigebracht, dass ich ein Recht auf Leben, körperliche Unversehrtheit, Freiheit und eigene Meinung habe. Und sie haben mir beigebracht, dass alle Menschen gleich sind. Diese wunderbare Freiheit des Körpers und des Geistes steht allen Menschen zu.Als Rechtsanwältin und politischer Mensch habe ich mich für Minderheiten eingesetzt, denen diese Freiheiten vorenthalten werden. Ich stifte Unruhe, nur weil ich über tägliche Realitäten und Grausamkeiten rede, die an Frauen und Kindern begangen werden. Wegen meiner direkten Art, die einigen Menschen zu radikal erscheint, wurde ich von türkischen Zeitungen immer wieder für verrückt erklärt und als »Nestbeschmutzerin« beschimpft. Schon wieder verrückt? Dafür, dass ich als Opfer eines Attentats nicht in der Opferrolle erstarrte, sondern mich weiterhin eingemischt habe, bei Fragen der Integration und Emanzipation insbesondere muslimischer Frauen, wurde ich auch von einigen Deutschen als verrückt angesehen. Die spinnt doch nur rum, weil sie biografisch begründete Ängste abarbeitet, heißt es dann.

Ja, ich habe Angst. Angst davor, die Freiheit, die mir Deutschland geschenkt hat, wieder zu verlieren. Ich habe Angst um die Mädchen und Frauen, die in Deutschland einer scheinbar liberalen Idee von Multikulturalismus geopfert werden. Ich träume davon, dass alle Menschen gleichberechtigt und frei leben und frei lieben, ohne dafür als verrückt hingestellt zu werden. Zugegebenermaßen bin ich somit verrückt nach Freiheit.