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Und wieder einmal eine Leseprobe …

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Und wieder einmal eine Leseprobe …

Ich dachte gerade, dass es Zeit würde meinen vielen Lesern/innen mal wieder einen ganz anderen Einblick in mein Leben und mein künstlerisches Schaffen zu geben, denn wie ich schon einmal berichtet habe, bin ich Lyriker – aber auch Erzähler, engagierter und leidenschaftlicher Erzähler, mit vielen Veröffentlichungen und einem umfangreichen Rohfassungsarchiv mit über 300 Geschichten und Erzählungen, die ich noch bearbeiten muss. Die meisten Literaten sind entweder Lyriker oder Erzähler, schreiben also Lyrik oder prosaische Texte. Ich habe für beides ein gutes Gespür im Laufe meines Lebens entwickelt, aber nicht alle meine Texte, nicht alle meine Erzählungen haben zwingend mit mir ganz persönlich zu tun.

Die folgende Geschichte bekommt ihr komplett zu lesen, sie ist vielfach veröffentlicht worden und hat u.a. auch Preise gewonnen. Ich mache da nicht viel Aufhebens von, denn solche Preise bedeuten nicht mehr, als dass irgendwelche Leute in irgendeiner Jury an dieser Geschichte Gefallen gefunden haben, dass ihnen im Handwerklichen die Textstruktur und der Aufbau gefallen hat. Aber mir liegt vor allem an den Lesern/-innen, dass ihnen diese Geschichte jene Botschaft vermittelt, die ich meine.

 

Zeit

 

Zeit.

Was bedeutete dieses Wort: Zeit?

Zeit.

Zeit.

Zeit.

Er meinte sich zu erinnern, dass sie immer weiter voranschritt, war sich dessen aber nicht sicher. Nicht, weil er es nicht wusste, sondern weil es so unendlich schwer war diese lähmende, klebrige Masse zu durchstoßen, unter der er so etwas ähnliches wie lebte, die ihn wie eine schwere Decke begrub, ihm das Atmen schwer machte, ihn daran hinderte zu seinen Gedanken vorzustoßen, sie zu ergreifen und zu ergründen.

Zeit.

Zeit.

Eine klebrige, zähe Masse, unbegreifbar und doch omnipräsent.

Woher kannte er dieses Wort: omnipräsent?

Und warum kam es ihm gerade jetzt in den Sinn?

Er konnte sich nicht erinnern, vermochte seine Gedanken nicht zu fixieren und zu ordnen. Immer wieder zog ihn dieses zähe Grau der Zeit zurück in die Tiefe des Vergessens.

Wie hieß das Wort, über das er nachdenken wollte?

Er hatte es bereits wieder vergessen, kämpfte mit einem stummen Schrei gegen sein erneutes Einsinken, streckte den zentnerschweren Arm mit Klauenfingern hinaus ins Leben, suchte den neuen Halt außerhalb seiner eintönigen Welt.

Stille und Zeit – sie waren eins geworden für ihn, düstere Geschwister der Verschwörung. Sie kannten nur einen Tagesablauf, endlos und immer wiederkehrend.

„Pfffffffffffffffft… piep… pffffffffffffffffffffft… piep… pfffffffffffffffffft… piep…“

Es klang vertraut und dennoch fremd, ungewollt und dabei so persönlich an ihn gebunden.

Was bedeutete das?

Worin lag der Sinn?

Warum spürte er immer diesen leisen, beständigen Schmerz in seinem Handrücken?

Ein Gedankenfetzen tauchte für wenige Sekunden vor seinem inneren Auge auf: Ein glatt rasierter, haarloser Handrücken mit einem festen, leicht angegrauten Verband um Handgelenk und Daumen, mit dem gelben Endstück einer Kanüle, die dauerhaft in seiner Handvene verankert schien. Ein Pflaster hielt diese Kanüle in ihrer Lage und verhinderte gleichzeitig Verschmutzung und versehentliches Herauslösen.

Was bedeutete das?

Schon war das Bild wieder verschwunden und zurück kehrte dieses Wort, das er nicht zuzuordnen vermochte.

Zeit.

Zeit.

Was bedeutete dieses Wort: Zeit?

Zeit bestand aus …

Wieder entglitt ihm der Gedanke, tauchte ganz kurz aus diesem grauen Nebel wieder auf.

Er bekam ihn tatsächlich zu fassen.

Zeit bestand aus …

„Pfffffffffffffffft … piep … pffffffffffffffffffffft … piep … pfffffffffffffffffft … piep …“

Das war es wohl, seit Ewigkeiten ein karger zusammenhängender Gedanke, zu dem er sogar noch eine weitere Wahrnehmung einordnen konnte. Immer wieder zupfte und hantierte eine unbekannte, gesichtslose Person, ohne jeden Geruch, mit einer leisen Stimme und kalten Händen an diesem gelben Kanülenende herum, was ihm deutlich spürbare Schmerzen bereitete. War das endlich vorüber, tat sie noch etwas anderes, aber … aber er konnte sich nicht erinnern, was das war.

Ganz langsam formte sich in seiner grauen, zähklebrigen Welt ein Handlungsablauf.

Zeit bestand aus: „Pfffffffffffffffft … piep … pffffffffffffffffffffft … piep … pfffffffffffffffffft … piep …“ und eben dieser Kanüle und dieser Person, die an seinem Handrücken herumwerkelte.

Ein Schlauch … da war auch noch ein Schlauch, ein durchsichtiger dünner Schlauch mit etwas Rotem in der Mitte … und noch etwas am anderen Ende, das so weit entfernt war, dass es sich seinem Blick fast völlig entzog.

Zeit.

Was bedeutete dieses Wort?

„Pfffffffffffffffft … piep … pffffffffffffffffffffft … piep … pfffffffffffffffffft … piep …“

Warum wollte er das wissen?

Was bedeutete Zeit?

Was war Zeit?

War Zeit etwas anderes als leichter Schmerz im Handrücken, ein wasserklarer, dünner Schlauch mit etwas Rotem in der Mitte und einer zäh fließenden Masse aus Grau, die ihm das Atmen schwer machte und seine Gedanken lähmte?

Zeit hatte jegliche Bedeutung für ihn verloren, ohne dass er es wusste und verstehen konnte. Dazu war sein Verstand zu tief eingetaucht in diese Monotonie seines Lebens.

Da war etwas, auf einem Kissen liegend, mal zur Seite geneigt, mal scheinbar völlig bewegungslos, etwas Schweres, das scheinbar Teil von etwas Ganzem war.

Für einen Lidschlag erinnerte er sich an seinen Kopf und damit eröffnete sich für wenige Sekunden eine neue Frage.

Wenn ich einen Kopf habe, besitze ich dann auch noch einen Körper?

Ein Handrücken war zweifellos vorhanden, denn dort spürte er Tag und Nacht diesen drückenden, leisen Schmerz der Kanüle.

Gab es irgendeine Verbindung zwischen diesem Handrücken und diesem … er hatte das Wort schon wieder vergessen, konnte sich aber mit Mühe noch daran erinnern, dass dies die Quelle für diese winzigen Bruchstücke flatterhafter Gedanken und Bilder war.

Doch, da war noch etwas, etwas sehr Schweres, nahezu Bewegungsloses, tonnenschwer und schmerzhaft, besonders in der Mitte, auf der Unterseite. Manchmal spürte er zudem noch anderes, das irgendwie zu ihm zu gehören schien, ohne dass er es gedanklich erfassen konnte. Vielleicht wäre es möglich gewesen es durch Anschauen in sein Bewusstsein zu bringen, sich daran zu erinnern, welche Bedeutung dem zuzuordnen war. Doch wenn er auch nur versuchte dieses lange Etwas neben sich zu bewegen, entglitt ihm sofort wieder diese Wahrnehmung und tauchte tief ein in dieses zähe, stumpfe Grau, das ihn umgab.

Plötzlich verstand er es, war es glasklar wieder da.

Er lag auf dem Rücken, der schmerzte in seinen Lendenwirbeln und allen Muskeln, und neben ihm unter der Decke lag ein Arm, auf dem Kissen ein Kopf, mit Haaren und einem Gehirn, – und dann waren da noch zwei Beine, und noch ein Arm, der mit dem Handrücken und der Kanüle.

„Pfffffffffffffffft … piep … pffffffffffffffffffffft … piep … pfffffffffffffffffft … piep …“

Wie lange mochte er schon so liegen. Es schien ihm Jahrhunderte her, dass er sich bewegt hatte.

Konnte er sich überhaupt bewegen?

Das war seltsam. Zwar war sein linker Arm unbestreitbar nicht innerhalb seiner Sicht, genauso wie seine Beine, aber er vermochte sie sich vorzustellen und spürte ganz deutlich, dass sie sich nicht bewegten, so sehr er sich auch darauf konzentrierte und anstrengte dieses Ziel zu erreichen. Festliegend, wie betoniert lag er auf dem Rücken.

„Pfffffffffffffffft … piep … piep … piep pffffffffffffffffffffft … piep … piep … piep pfffffffffffffffffft … piep … piep … piep …“

Schmerzen, unaussprechlich unaushaltbare Schmerzen, sie quälten ihn nicht, aber für einen Herzschlag lang erinnerte er sich. Da waren viele Menschen in weißen Kitteln um ihn herum, alle hektisch betriebsam. Sie sprachen ihn an, aber so seltsam leise, das er sie nicht verstehen konnte, kaum ihre Stimmen hörte. Er erinnerte sich aber an seine Angst.

„Pfffffffffffffffft … piep … piep … piep pffffffffffffffffffffft … piep … piep … piep pfffffffffffffffffft … piep … piep … piep …“

Wie lange war das her?

Ein Jahr … zwei Jahre … zehn Jahre … hundert Jahre … Ewigkeiten?

Wieder schloss sich diese graue, zähflüssige Welt um ihn, begrub alle Gedanken und Wahrnehmungen.

Zeit.

Was bedeutete dieses Wort: Zeit?

Zeit.

Zeit.

Zeit.

Sie war völlig bedeutungslos für ihn geworden.

Hannelore …

Wer war Hannelore?

Warum verband er mit diesem Namen so ein warmes, wohltuendes Gefühl?

Kevin …

Noch ein Name ohne jede Bedeutung zuerst … aber mit einem erwachenden Gefühl, ähnlich und doch ganz anders.

Es war kein Gedanke, mehr ein Wunsch, eine Ahnung davon dieses Grau zu verlassen, ins Licht zurückzukehren. Denn da war etwas, was leise mit ihm flüsterte, was lieblich klang, wie eine ferne Erinnerung an Musik, eine Einladung, eine Zukunft, eine Hoffnung, ein Neubeginn und Ende zugleich. Wenn er sich ganz direkt, mit aller Kraft darauf konzentrierte, dann half ihm das seine Gedanken ein winziges Stück mehr in Klarheit einzutauchen, sie zu fassen und festzuhalten.

„Pfffffffffffffffft … piep … piep … piep pffffffffffffffffffffft … piep … piep … piep pfffffffffffffffffft … piep … piep … piep …“

Eine Hand legte sich kühl auf seine Stirn, glitt scheinbar schwerelos an seine Schläfe. Der Daumen zeichnete die Augenbraue nach, während die Finger sanft eine Haarsträhne zurückstrichen.

Mama.

Er erkannte sie ohne die schweren Augen öffnen zu müssen. So hatte sie es immer gemacht, wenn er Kummer hatte oder krank war. Sie nahm ihn sanft in die Arme, strich mit einer Hand beruhigend über seinen Rücken, drei Mal vom Schulterblatt hinunter, hielt ihn dann so umfangen, ungeachtet der EKG-Kabel und der dünnen transparenten Schläuche.

So etwas konnte nur sie, alles Leid, alles Schwere mit einer Umarmung auflösen, grenzenlosen Trost spenden.

Warum und wieso war sie hier wo sie eigentlich nicht sein konnte?

Die Frage war so bedeutungslos wie alles andere um ihn herum.

Ihm wurde mit einem Mal ganz leicht, die Gräue löste sich auf, die Schwere fiel von ihm ab, lichte Helligkeit empfing ihn mit offenen Armen, aller Schmerz wich einem Lächeln.

„Verzeih mir … Hannelore …“

„Pfffffffffffffffft … piep … pffffffffffffffffffffft … piep … pfffffffffffffffffft … pffffffffffffffffffffft … pffffffffffffffffffffft … pffffffffffffffffffffft … pffffffffffffffffffffft …“

 

Die Tür zu seinem Zimmer öffnete sich, eine Schwester eilte herein, an sein Bett, tastete nach dem Puls, nickte dann, seufzte kaum hörbar und lächelte ein ganz klein wenig, ehe sie den Monitor abschaltete und die Uhrzeit in sein Krankenblatt eintrug.

 

Zu diesem Zeitpunkt war er längst angekommen.

 

 

 

©   Hans B.

 

Wer mehr und noch ganz andere kleine Erzählungen lesen will, oder Lyrik, erotische Gedichte, Liebesgedichte, Natur-Lyrik, politische Lyrik,  –  oder sich auch mal in aller Ruhe zahlreiche Bildergalerien ansehen möchte, oder sich das eine oder andere kostenlos downloadbare e-book holen, wer boshaft ätzende Satire mag oder fantastische Foto-Montagen und Ölmalerei, der sollte mal einen ausgiebigen Besuch auf meiner Künstler-Hompage machen

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Über grauwolfzauberer

Ich bin zweifellos kein pflegeleichter, unumstrittener Zeitgenosse. Wenn ich in den letzten Jahren gefragt werde, was ich beruflich mache, antworte ich meistens: Ich bin Zyniker - und boshaft bissiger Satiriker. Aber real war ich über viele Jahre Fotokünstler, jetzt allerdings im Rentnerstatus, bin immer noch Lyriker und Erzähler, was nicht häufig vorkommt, denn die meisten Literaten - und ich nehme diese Bezeichnung relativ ernst - sind entweder Erzähler oder Lyriker, selten beides. Ich habe viel veröffentlicht und immer noch mehr Ideen, als ich tatsächlich in Endform verfassen kann. So verfüge ich über ein riesiges Rohentwurfsarchiv, habe mir aber fest vorgenommen, das auf jeden Fall noch in diesem Leben durchzuarbeiten - und noch viel mehr zu veröffentlichen. Ich habe vor langer Zeit Kunst studiert, in Essen und Bremen, war dann ein paar Jahre in der Comercial Werbung tätig, bis mir endlich klar wurde, dass das nicht das war, was ich wirklich machen wollte, dafür habe ich nicht jahrelang Kunst / Fachbereich Fotografie studiert. So begann über kleine Umwege mein Leben als freier Fotograf, wobei ich sehr viel für Musiker, Theaterleute, Tänzer/-innen und mit besonderer Vorliebe für Privatkunden/-innen gearbeitet habe. Ich habe in einer Rockband mitgemacht, Theater und Kabarett gespielt und bin stets meinem geliebten Beruf treu geblieben, - wie meiner langjährigen Lebensgefährtin, die leider viel zu früh verstorben ist. Ich habe nicht so viel Geld gekriegt, wie ich verdient hätte, auch deutlich weniger als viele meiner Kollegen/-innen, war aber überaus glücklich damit, denn ich konnte frei arbeiten und habe eine Menge Spaß dabei erlebt. Ich war und bin ein unbequemer, unangepasster Querdenker, sage nicht bedenkenlos zu allem Ja und Amen, misstraue fertigen Konzepten für das Leben, pflege ausgiebig mein eigenständiges Denken und suche nach allen Infos, die ich kriegen kann, um mir ein wohlüberlegtes Urteil zu bilden. Politischen Systemen und ganz besonders Parteien stehe ich grundsätzlich mit tief verwurzeltem Misstrauen gegenüber, denn sie erstreben nur egomanische Machtansprüche. Den sogenannten "Volksvertretern" bringe ich zu 95% allein abgrundtiefe Verachtung entgegen, weil sie uneingeschränkt nur ihre Interessen aus Machtgier und persönlicher Selbstbereicherung vertreten, aber nicht die Interessen jenes Volkes, dem sie dienen, dessen Nutzen sie mehren sollen, wofür sie sehr gut bezahlt werden. Sie können von mir keinen Respekt erwarten, denn Respekt bekommt man nicht einfach so geschenkt, man muss ihn sich verdienen. Aber ich kann mir selbst bei intensivem Nachdenken keinen Grund vorstellen, warum z.B. bundesdeutsche "Volksvertreter" oder der meisten anderen europäischen Parlamente meinen Respekt verdienen sollten. Auch staatliche Institutionen können mein Vertrauen nicht erwarten. Ich pfeife auf die political correctness und habe kein Problem damit ehemaligen Weggefährten mit nachvollziehbarem Grund kräftig in den Arsch zu treten, wenn sie es verdient haben, bin dabei polarisierend und provokativ, parteiisch und rücksichtslos, - weil und wenn es nötig ist. Ich bin kein Deutscher - kein Ausländer - bekennender Europäer.

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